Neun Jahre später: Riesling Braunsdorfer 2017
Gestern habe ich eine Flasche Riesling Braunsdorfer 2017 geöffnet.
Eigentlich wollte ich nur wissen, wo der Wein heute steht. Am Ende saß ich länger vor diesem Glas als erwartet.
Was für ein Wein.
Nicht deshalb, weil er nach fast neun Jahren noch erstaunlich gut ist. Das wäre mir zu wenig. Ein großer Riesling soll nicht einfach überleben. Er soll sich entwickeln. Er soll mit den Jahren etwas erzählen können, was ein junger Wein noch gar nicht erzählen kann.
Genau das hat dieser Braunsdorfer getan.
Zeit ist ein Teil des Weines
Wenn wir über Wein sprechen, reden wir sehr viel über Jahrgänge, Böden, Rebsorten, Ausbau und Bewertungen. Der vielleicht wichtigste Faktor wird dabei oft vergessen: Zeit.
Als der 2017er jung war, zeigte er bereits sehr deutlich, was in ihm steckt. Falstaff beschrieb damals reife Frucht, Mango, Papaya, Orangenzeste, weißen Pfirsich und eine dunkle Mineralität. Stephan Reinhardt schrieb über den Braunsdorfer 2017 für den Wine Advocate sinngemäß von einer beinahe messerscharfen Präzision.
Ich finde solche alten Verkostungsnotizen heute besonders spannend.
Denn neun Jahre später interessiert mich weniger, ob ich noch dieselben Aromen finde. Mich interessiert, was aus der Struktur geworden ist.
Und genau hier beginnt für mich großer Riesling.
Braunsdorfer
Der Steiner Braunsdorfer gehört zu den steinigsten und steilsten Lagen, die ich bewirtschafte. Die Bedingungen sind karg, die Arbeit ist aufwendig und die Reben müssen sich ihr Wasser und ihre Nährstoffe erarbeiten.
Solche Weingärten liefern nicht automatisch große Weine.
Aber sie geben einem großen Wein die Möglichkeit, unverwechselbar zu werden.
Beim Braunsdorfer habe ich immer diese Spannung gesucht. Nicht möglichst viel Frucht, nicht möglichst viel Kraft, sondern Präzision, Struktur und Länge. Ein Riesling, der nicht beim ersten Schluck alles erzählt.
2017 war genau so ein Wein.
Gestern im Glas
Nach fast neun Jahren wirkt dieser Wein für mich nicht wie eine Erinnerung an 2017.
Er ist ein Wein von heute.
Das finde ich wesentlich spannender.
Er hat Reife bekommen, ohne seine Herkunft zu verlieren. Die einzelnen Komponenten stehen nicht mehr nebeneinander. Alles wirkt miteinander verbunden. Die Frucht ist nicht das Thema, sondern Teil einer viel größeren Struktur.
Was mich am meisten beeindruckt hat, war diese Ruhe im Wein.
Keine Lautstärke, keine Effekthascherei. Substanz, Tiefe und eine enorme Selbstverständlichkeit.
Man trinkt einen Schluck, stellt das Glas hin und greift kurze Zeit später wieder danach.
Für mich ist das eines der schönsten Komplimente, die man einem Wein machen kann.
Vielleicht verstehen wir große Weine zu früh
Dieser Abend hat mir wieder gezeigt, wie problematisch unser Umgang mit Wein manchmal geworden ist.
Wir füllen einen Wein ab, bewerten ihn, verkaufen ihn und öffnen ihn möglichst bald.
Dabei beginnt bei manchen Weinen die eigentlich interessante Phase erst Jahre später.
Ein Lagenriesling aus alten Reben braucht nicht nur einen guten Jahrgang. Er braucht Geduld.
2017 war dieser Braunsdorfer jung bereits präzise und eigenständig. Heute hat er etwas dazugewonnen, das man im Keller nicht erzeugen kann: Reife.
Nicht Reife im Sinne von Alter.
Reife im Sinne von Tiefe.
Warum ich solche Flaschen öffne
Ich mache das nicht aus Nostalgie.
Alte Jahrgänge sind für mich eine der ehrlichsten Möglichkeiten, meine eigene Arbeit zu überprüfen.
Nach neun Jahren gibt es keine Ausreden mehr. Keine Fassprobe, kein jugendliches Potential und kein „der braucht noch Zeit“.
Der Wein steht im Glas und zeigt, was aus den Entscheidungen im Weingarten und im Keller geworden ist.
Der Braunsdorfer 2017 hat mir gestern eine ziemlich klare Antwort gegeben.
Ich würde heute nichts lauter machen, nichts glatter und nichts gefälliger.
Im Gegenteil.
Solche Flaschen bestätigen mich darin, meinen Weinen weiterhin Zeit zu geben.
Denn vielleicht ist das einer der größten Fehler, die wir bei gutem Riesling machen können:
ihn zu früh zu trinken.
Euer Urban 🍀