Nach der Dürre wächst wieder etwas… ✨🌱
Soll ich überhaupt wieder aus meinem Leben erzählen?
Ja, ich glaube schon.
Weil es die Wahrheit ist. Und weil mein Leben, mein Weingut und meine Weine für mich nicht voneinander zu trennen sind.
Gestern habe ich in einem meiner Rieslingweingärten etwas entdeckt, das mich länger beschäftigt hat, als ich zuerst gedacht hätte.
An einer Rebe, die durch die Dürre alle ihre Blätter abgeworfen hatte, wächst plötzlich wieder ein junger Trieb.
Eigentlich war das Jahr für diese Rebe vorbei. Zumindest hat es so ausgesehen. Sie hatte alles abgestoßen, was sie nicht mehr versorgen konnte.
Dann kam der Regen. Die Nächte wurden kühler. Und jetzt, Anfang Oktober, treibt diese Rebe plötzlich wieder aus. Frische grüne Blätter. Sogar ein kleines Geschein.
Ich bin davor gestanden und musste an meine eigene Situation denken.
Die härteste Weinlese meiner letzten 20 Jahre
Diese Weinlese war für mich die härteste, seit ich vor 20 Jahren meine erste Lese gemacht habe.
Gleichzeitig war es die kleinste und längste Weinlese, die ich je erlebt habe.
Nicht weil Senad und ich zu langsam gearbeitet hätten. Sondern weil wir unter der Woche meistens nur zu zweit gelesen haben. Hin und wieder kam ein Freund oder Bekannter dazu.
An den Wochenenden kamen Eva und ihre Mädchen und halfen mir freiwillig.
Eva hat selbst einen anstrengenden 40-Stunden-Job. Die Mädchen haben Schule. Trotzdem hatten sie während dieser ganzen Weinlese praktisch kein einziges freies Wochenende.
Das ist nicht selbstverständlich.
Das ist Zusammenhalt.
Und dafür bin ich ihnen unglaublich dankbar.
Dazu kamen Freunde, Bekannte und Menschen, die ich über Social Media erreicht habe. Teilweise Menschen, die mich kaum kannten und trotzdem gesagt haben:
Ich komme und helfe dir.
Freiwillig. Ohne Bezahlung. Einfach, weil sie helfen wollten.
Das werde ich nicht vergessen.
Warum diese Weinlese so geworden ist
Natürlich gibt es einen Grund, warum ich meine Weinlese dieses Jahr überhaupt so durchführen musste.
Seit mittlerweile drei Jahren befinde ich mich in einer Lebensphase, die ich mir davor niemals hätte vorstellen können.
Schon vor der Trennung war ich an einem Punkt angekommen, an dem ich so nicht mehr weiterleben wollte. Ich hatte Suizidgedanken.
Gleichzeitig wusste ich, dass ich weiterleben wollte und musste. Vor allem für meine Prinzessinnen.
Irgendwann war klar: Ich muss etwas verändern.
Ich hatte einem Menschen vollkommen vertraut. Dieses Vertrauen und alles, was durch die Trennung danach ausgelöst wurde, hat mein Leben grundlegend verändert.
Persönlich. Psychisch. Und schließlich auch wirtschaftlich.
Von diesen drei Jahren habe ich ungefähr zweieinhalb Jahre damit verbracht, mich selbst wiederzufinden.
Viele Stunden bei meiner Psychologin. Sehr viel Aufarbeitung. Viele Fragen an mich selbst. Und irgendwann auch die Erkenntnis, dass ich mich lange genug selbst angelogen hatte.
Langsam begann ich wieder, Boden unter meinen Füßen zu spüren.
Ein Mensch kann sich verändern. Ein Betrieb braucht länger.
Leider funktioniert ein Betrieb anders als ein Mensch.
Während ich mich persönlich langsam wieder aufgerichtet habe, waren die wirtschaftlichen Folgen längst da.
Nach all den Erfolgen meiner Weine befinde ich mich heute in einer finanziellen Situation, die ich mir selbst damals kaum hätte vorstellen können, als ich den maroden Betrieb meiner Eltern als zehnte Generation übernommen und gekauft habe.
Und genau hier kommt die zweite Sache dazu, die diese Weinlese zu dem gemacht hat, was sie heuer war: meine Bank.
Die Trennung und die Situation rund um meinen Betrieb machen meiner Bank offenbar bis heute Sorgen.
Obwohl ich meine Kredite Monat für Monat bezahle und mein Steuerberater nach einer langen und harten Aufarbeitung wieder positive Zahlen vorlegen konnte, war die Bank nicht bereit, mir die Finanzierung für die Weinlese zur Verfügung zu stellen.
Damit war die Rechnung ziemlich einfach.
Kein Geld für Lesehelfer bedeutet keine normale Mannschaft.
Also mussten Senad und ich es machen.
Tag für Tag.
Reihe für Reihe.
Weingarten für Weingarten.
Nicht weil wir beweisen wollten, wie viel zwei Menschen schaffen können. Sondern weil es keine andere Möglichkeit gab.
Genau deshalb dauerte diese Lese so lange.
Zwei Menschen können eben nur so viel schaffen, wie zwei Menschen schaffen können.
Und trotzdem ging es weiter
Es ging trotzdem.
Weil Eva und die Mädchen da waren.
Weil Freunde kamen.
Weil Bekannte kamen.
Und weil Menschen kamen, die eigentlich überhaupt keinen Grund gehabt hätten, ihre Freizeit in meinen Weingärten zu verbringen.
Sie wollten einfach helfen.
Jetzt stehen Senad und ich kurz vor dem Ende.
Die nächsten Tage lesen wir noch weiter. Am Samstag kommt zum Abschluss der Riesling vom Steiner Gaisberg.
Dann ist sie vorbei.
Meine längste und gleichzeitig kleinste Weinlese in 20 Jahren.
Und vielleicht ist mir genau deshalb gestern dieser kleine Trieb aufgefallen.
Was mir eine Rieslingrebe gezeigt hat
Da steht eine Rebe, die während der Dürre alle ihre Blätter verloren hat.
Sie hat alles abgestoßen, was sie nicht mehr versorgen konnte.
Eine Zeit lang steht sie einfach nur da. Von außen betrachtet könnte man glauben, dass für dieses Jahr nichts mehr zu erwarten ist.
Vielleicht sogar länger.
Dann kommt Regen.
Die Nächte werden kühler.
Und plötzlich beginnt wieder etwas zu wachsen.
Wieder zu leben.
Natürlich ist deshalb nicht alles gut.
Die alte Situation ist nicht verschwunden. Der kleine Trieb löst keine meiner finanziellen Probleme. Er bezahlt keine Rechnung und nimmt mir keine der Entscheidungen ab, die in den nächsten Monaten vor mir liegen.
Aber er hat mir etwas gezeigt.
Eine schwierige Phase bedeutet nicht automatisch das Ende.
Manchmal sieht etwas von außen bereits verloren aus, obwohl unter der Oberfläche längst wieder etwas beginnt.
Warum ich weiter erzählen werde
Ich weiß nicht, wie die nächsten Monate werden.
Es gibt genügend Baustellen. Sorgen. Rechnungen. Entscheidungen und Dinge, die ich lösen muss.
Aber genau deshalb werde ich auch weiterhin aus meinem Leben erzählen.
Nicht um Mitleid zu bekommen.
Nicht um etwas schöner darzustellen, als es ist.
Und auch nicht, um etwas schlimmer zu machen, als es tatsächlich ist.
Sondern weil es die Wahrheit ist.
Weil zu meinen Weinen nicht nur schöne Bilder, hohe Bewertungen und sonnige Terrassen gehören.
Dazu gehören auch Dürre, Zweifel, Fehler, schwierige Entscheidungen, Menschen, die gehen, und Menschen, die plötzlich da sind, wenn man sie braucht.
Vielleicht erkennt sich der eine oder andere Mensch darin wieder.
Gestern hat mir dieser kleine Rieslingtrieb jedenfalls wieder ein Stück Vertrauen gegeben.
Das Vertrauen, dass auch nach einer verdammt langen Dürre wieder etwas wachsen kann.
Für den Moment reicht mir das.
Euer Urban 🍀