Ist ein Riesling von 2021 schon alt?

Warum wir bei Weißwein vielleicht wieder lernen müssen, anders über Jahrgänge zu denken

Vor ein paar Tagen habe ich einen interessanten Artikel über Weinpreise, Konsumenten und darüber gelesen, wie wir heute Wein wahrnehmen.

Dabei ist mir eine andere Frage durch den Kopf gegangen, mit der ich im Verkauf immer wieder konfrontiert werde.

Ist ein Riesling von 2021 nicht schon alt?

Meine kurze Antwort darauf ist: Nein.

Bei einem guten Riesling kann sogar ziemlich genau das Gegenteil der Fall sein.

Eine Jahreszahl ist kein Ablaufdatum

Wir haben uns in den vergangenen Jahren daran gewöhnt, bei Weißwein zuerst auf den Jahrgang zu schauen.

2025 klingt frisch.
2024 klingt noch gut.
2023 vielleicht auch noch.
Und bei 2021 beginnt bei manchen bereits die Unsicherheit.

Warum eigentlich?

Wein ist kein Fruchtsaft und ein hochwertiger Riesling ist nicht dafür gemacht, innerhalb weniger Monate nach der Abfüllung verschwunden zu sein.

Gerade Riesling besitzt durch seine natürliche Säure eine enorme Fähigkeit, sich in der Flasche weiterzuentwickeln. Aus jugendlicher Frucht werden mit der Zeit komplexere Aromen. Die einzelnen Komponenten verbinden sich. Säure, Frucht, Struktur und Herkunft stehen nicht mehr nebeneinander, sondern beginnen gemeinsam zu erzählen.

Für mich ist genau das einer der spannendsten Momente bei Wein.

Ich mache meine Rieslinge nicht für den schnellstmöglichen Konsum

Meine Arbeit beginnt im Weingarten.

Ich bewirtschafte meine Terrassen mit sehr viel Handarbeit. Die Trauben werden von Hand gelesen. Im Keller vergären die Weine spontan mit ihren natürlichen Hefen und bekommen Zeit auf der Hefe.

Ich versuche nicht, einen Wein möglichst schnell fertig zu bekommen.

Warum sollte ich dann erwarten, dass er möglichst schnell getrunken wird?

Gerade meine Lagenrieslinge aus Stein brauchen Zeit.

Steiner Schreck, Steiner Pfaffenberg, Steiner Hund, Gaisberg, Kögl oder Goldberg unterscheiden sich nicht nur durch ihre Namen. Unterschiedliche Böden, Expositionen und Mikroklimata ergeben Weine mit völlig unterschiedlichen Strukturen.

Manche öffnen sich früher. Manche brauchen Jahre.

Und genau das finde ich spannend.

Und dann kommt 2021

2021 ist dafür ein wunderbares Beispiel.

Der Jahrgang brachte Rieslinge mit einer sehr guten, frischen Säurestruktur hervor. Eine Voraussetzung dafür, dass sich Riesling über viele Jahre entwickeln kann. (Vinea Wachau)

Noch interessanter wird es, wenn ich mir heute die Bewertungen meiner eigenen 2021er ansehe.

Anne Krebiehl MW hat für Vinous meinen Riesling Steiner Goldberg 2021 mit 97 Punkten bewertet und ein Trinkfenster von 2028 bis 2055 angegeben.

Steiner Schreck und Kögl 2021 erhielten 96 Punkte, Gaisberg und Steiner Hund 95 Punkte. Auch hier beginnen die angegebenen Trinkfenster erst 2028 und reichen bis 2053.

Pfaffenberg 2021 wurde mit 94 Punkten bewertet, ebenfalls mit einem Trinkfenster von 2028 bis 2053. (STAGARD)

Wir schreiben 2026.

Das bedeutet etwas ziemlich Interessantes.

Wer heute bei mir einen dieser 2021er Rieslinge kauft, kauft keinen alten Wein.

Nach dieser Einschätzung kauft er einen Wein, dessen eigentliches Trinkfenster noch gar nicht begonnen hat.

Jung bedeutet nicht automatisch besser

Natürlich liebe ich jungen Riesling.

Diese unmittelbare Frucht, die Energie, die Spannung eines jungen Weines haben ihren eigenen Reiz.

Aber jung und besser sind nicht dasselbe.

Ein fünf Jahre alter Riesling kann Dinge zeigen, die ein einjähriger Riesling noch gar nicht zeigen kann.

Die Frucht wird ruhiger. Die Säure integriert sich. Kräuter, Gewürze, Steinigkeit und manchmal erste reifere Noten treten stärker hervor. Die Herkunft wird oft deutlicher, weil die primäre Frucht nicht mehr alles überdeckt.

Das ist keine Qualität, die verloren gegangen ist.

Das ist Entwicklung.

Vielleicht müssen wir Wein wieder mehr Zeit geben

Ich glaube, wir haben uns daran gewöhnt, vieles sofort haben zu wollen.

Auch beim Wein.

Der jüngste Jahrgang kommt auf den Markt und schon beginnt die Frage nach dem nächsten.

Dabei gehört Zeit seit Jahrhunderten zu gutem Wein.

Ich finde deshalb, dass wir beim Weinkauf wieder weniger Angst vor einer Jahreszahl haben sollten.

Wenn ihr bei mir einen Riesling 2021 im Regal seht, dann steht dort keine Flasche, die ich vergessen habe zu verkaufen.

Da steht ein Wein, dem Zeit gutgetan hat.

Und bei manchen meiner 2021er würde ich heute sogar sagen:

Sie sind noch jung.

Vielleicht ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt, eine Flasche aufzumachen.

Und vielleicht ist es genauso richtig, noch ein paar Flaschen in den Keller zu legen.

Beides gehört für mich zu Riesling.

Zeit ist bei einem großen Wein kein Fehler. Sie ist eine Zutat, die ich nicht in den Keller geben kann.

Euer Urban 🍀🍇

Weiter
Weiter

Weinlese 2026: Die ersten Tage… 🍇